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Um ewig einst zu leben
Caspar David Friedrich und Joseph Mallord William Turner. Der Roman lässt den Leser eine distanzierte Begegnung der Maler Turner und Friedrich erleben und führt ihn in die Welt ihrer Bilder, ihrer Motive und ihrer Zeit. Erschienen im Bertuch Verlag Weimar.
Caspar David Friedrich besucht den Meißner Dom

Caspar David Friedrich besucht den Meißner Dom

Christoph Werner

Mit dem Dom zu Meißen hat es eine interessante Bewandtnis. Er wird von vielen gepriesen als ein Meisterstück reinster gotischer Baukunst, mit einer achtundsiebzig Meter hohen Turmpyramide von zierlich durchbrochener Arbeit. Seine beiden Haupttürme waren anno 1547 durch Blitzschlag zerstört worden. Manche sagen, das sei die Strafe Gottes dafür gewesen, dass sich die Christen der Stadt so spät entschlossen, dem neuen Glauben beizutreten.
Es hatte schon einmal eine Zerstörung gegeben, als das ursprünglich durch den wunderbaren Kaiser Otto I. gegründete Gebäude zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts durch Feuer verwüstet worden war. Fast zweihundert Jahre lang wurde dann am gegenwärtigen Dom gebaut, der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fertiggestellt war. Leider wird der Eindruck reinsten gotischen Strebens vermindert durch die von Kurfürst Friedrich dem Streitbaren als Erbbegräbnis seines Stammes angebaute Fürstengruft, die das schöne, figurenreiche Hauptportal verdeckt. Andererseits hatte die Fürstengruft die schönen Figuren und Farben des Hauptportals, welches nun im Innenraum war, vor den Unbilden der Witterung geschützt und so erhalten.
Einen zweiten Anbau bildet die Grabkapelle Herzog Georgs des Bärtigen und seiner Gemahlin Barbara. Rechts vom Südportal liegt die Johanneskapelle, eine ausgezeichnete Komposition im edlen Geist der Frühgotik und ein Gegenstand andauernder Bewunderung Friedrichs. Aus derselben Zeit stammen die hier und im Chor aufgestellten Bildsäulen Kaiser Ottos, seiner Gemahlin Adelheid, des heiligen Donatus, der beiden Johannes und der Jungfrau Maria. Im hohen Chor befinden sich alte Glasmalereien und ein Flügelaltarbild, welches die Anbetung der Heiligen Drei Könige zeigt.
Der Maler [Caspar David Friedrich] betrat den Dom vom Kreuzgang her durch eine Tür, die der ihm gut bekannte Küster geöffnet hatte. Es war kalt, still und dämmrig. Die Luft roch dumpfig und feucht. Friedrich nahm sein Halstuch, das er in der wärmenden Morgensonne und erhitzt durch den Aufstieg von der Elbe über den Hohlweg und die Stufen zur Schlossbrücke hinauf abgelegt hatte, aus der Tasche und legte es gegen die kalte Luft um. Er knöpfte die Jacke ganz zu. Dann ging er langsamen Schrittes nach rechts durch den Lettner in den hohen Chor und auf den Altar zu. Die Sonne schien bereits durch die Fenster des Chores. Ihre Strahlen durchschnitten den Chorraum und schufen bunte Reflexe auf dem Steinboden vor seinen Füßen.
Er verfolgt mit den Augen die Sonnenstrahlen bis zu ihrem bunten Ursprung, dem Mittelfenster des Chores. Es ist ein schönes Zeugnis gotischer Glasmalereikunst aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Es sind Könige des Alten Testaments dargestellt, an der Spitze Christus als Weltenherrscher. Szenen aus dem Leben Christi, Passion, Kreuzigung, Auferstehung sowie alttestamentarische Opferszenen sind zu bewundern. Friedrich kann sich von der Abbildung Christi, seines Erlösers, lange nicht trennen.
Dann kommt ihm Goethe in den Sinn, der ihm, als er ihn in seinem Atelier in Dresden besuchte, die besondere architektonische Reinheit der hochgotischen Erscheinung dieses Domes gerühmt hatte mit den Worten: Der Dom ist das schlankste und schönste Gebäude jener Zeit, das ich kenne, durch keine Monumente verdüstert, durch keine Emporkirche verderbt, gelblich angestrichen, durch weiße Glasscheiben erhellt, nur das einzige Mittelfenster des Chores hat sich bunt erhalten. Und er hatte Friedrich mit eindringlichen Worten geraten, den Dom zu besuchen, was dieser, wie er der Exzellenz mitteilte, jedoch schon mehrfach getan hatte.

 

 

Textquelle: Christoph Werner: Um ewig einst zu leben. Weimar 2006, S.85-87.
                 © Bertuch Verlag GmbH

Bildquelle: Anna Hein

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