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Gefangen im Netz der Dunkelmänner

Berndt Seite, Annemarie Seite und Sibylle Seite

Berndt Seite und seine Familie möchten sich die »Stasi« von der Seele schreiben, um nicht ein Leben lang mit der DDR-Diktatur konfrontiert zu bleiben. Der Text soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leisten. 

Gedanken bey der großen Eisfahrt und Elbüberschwemmung in der Stadt Meißen

Karl Christoph Thiele

Gedanken bey der großen Eisfahrt und Elbüberschwemmung in der Stadt Meißen den 29. Februar und 1. Mart. 1784

Thiele sen., C. C., Gedanken bey der großen Eisfahrt und Elbüberschwemmung in der Stadrt Meißen den 29. Februar und 1. Mart. 1784, Meißen 1785.
Thiele sen., C. C., Gedanken bey der großen Eisfahrt und Elbüberschwemmung in der Stadrt Meißen den 29. Februar und 1. Mart. 1784, Meißen 1785.

"Geliebtes Meißen denk an jene bangen Tage,

An jene Wassersnotz, an jene Angst und Plage;

Es bebet mir mein Herz, wenn ich gedenk zurück

An die Beängstigung. O Schreckensvoller Blick!

Ich seh im Geiste noch dieß traurige Geschicke,

Ich überdenke heut dieß große Unglücke;

Des Stromes Wuth und Fluth stieg immer höher an,

Ein jeder sucht die Flucht, wer sich nur retten kann.

Wir schreyen Himmel an: eyl uns, HErr, beyzustehen,

In dieser Angst und Noth laß uns nicht untergehen!

Es stösset uns das Eis, samt unsern Häusern üm,

Ach setz der Wuth den Damm. HErr straf uns nicht im Grimm!

Der ruft dem andern zu: wie wird es uns ergehen?

Wer weiß denn ob wir uns enander wieder sehen?

Die Fluth steigt höher an, wo bleib ich und mein Haus?

Auch GOtt erbarme Dich, machs nicht gar mit uns aus!

HErr, hilf uns, wir vergehn, so seufzt ein Mutter Herze,

Die Kinder schreyen mit Verzweiflungsvoll im Schmerze:

Ist keine Rettung da? so rufen sie zurück;

Die Fluth riß sie dahin in einem Augenblick.

Wenn man nun treulich warnt, eil doch aus dem Verderben!

Der folge gutem Rath, wer nicht des Tods will sterben;

Denn wer sich in Gefahr muthwillig giebt darein,

Der kommt darinnen um; Wer will sein Helfer seyn?

Um dieses Schreckensbild will ich den Vorhang ziehen;

Wir wollen uns anjetzt mit Fleiß dahin bemühen,

Den Armen beyzustehn, die hungrig, nackt und bloß

In Kälte und in Frost, die Noth die ist sehr groß.

Dort schwimmen Menschen hin, auch Häuser, Vieh und Güter;

Ach stehe du uns bey, o treuer Menschenhüter!

Sieh unser Elend an, ach laß es jammern Dich,

Das Land ist sehr verwüst, es siehet jämmerlich.

In Trümmern hänget dort auch unsre Meißner Brücke,

Sie ist nun fast dahin der Kunst ein Meisterstücke!

Ach was für ein Verlust ist dieß für Stadt und Land!

Es wird viel Geld und Guth und Fleiß daran verwand.

Dort geht der Menschenfreund bald die, bald jene Gassen,

Er wird gerührt und denkt, die Armen sind verlassen;

Ich will in dieser Noth mich ihrer nehmen an,

Ich will ihr Vorspruch seyn, und helfen wo ich kann.

Der neue Brücken-Bau zu Meißen 1784
Der neue Brücken-Bau zu Meißen 1784

Es schallt der frohe Dank noch stets auf Ihn urücke,

Die Armen wünschen Ihm viel Segen und Gelücke.

Der Höchste kröne Ihn mit Heyl und Wohlergehn,

Und lasse seine Güt Ihn alle Morgen sehn!

Nun uns zur Freud und Trost verlief sich das Gewässer,

Die Fluth nahm stündlich ab, der Muth war immer größer,

Ach Meissen, denke dran, erinnre dich hierbey,

Das GOTT allein in Noth der beste Helfer sey.

Der Nachwelt werde dieß zur Nachricht aufgeschrieben,

Die Zeit, die wir erlebt, und wo wir sind geblieben.

Im Krieg und Kriegsgeschrey von Sechs bis Sieben Jahr,

In Theurung, Wassernoth half uns GOTT wunderbar.

Bey jener Feuersbrunst, bey allem Unglückswetter,

So war der treue GOTT dein Schild und dein Erretter,

Sonst wären wir vorbey. Wir preisen GOTTES Güt,

Der uns in aller Noth so väterlich behütt´.

HERR, segne Stadt und Land, und baue, was zerrissen,

Laß auf uns immerdar die Segensströme fliessen.

Behüte uns hinfort für Feur und Wassersnoth,

Für Theurung, Seuch und Streit, für bösen schnellen Tod.

Den theuresten August, des LAndes Wonn und Freude,

Bekrön, o GOTT mit Heyl; schütz Ihn für allem Leide.

Sey stets Sein Schirm und Schild, befestige Seinen Thron,

Daß untere Seinem schutz ganz Sachsen sicher wohn!

Laß, HERR, Amalien in stetem Segen leben,

Und Ihren Segen auch dem Lande Segen geben,

So wird des Fürsten Haus, wenn GOTT Ihm Heyl bescheert,

Zu Sachßens wahrer Freud von Zeit zu Zeit vermehrt.

Gieb Segen und Gelück, laß alles wohl gedeyen,

Bewahre Stadt und Land, beschirm die Policeyen,

Und aller Obrigkeit gieb ein gut Regiment;

HERR, segne Kirch und Schul, gieb Fried an allem End.

So wollen wir dafür, o GOTT, Dir Dank darbringen,

Und auch zu jeder Zeit Dein herrlich Lob besingen;

Gelobet sey der HERR allhier in ideser Zeit,

Gelobet sey mein GOTT in alle Ewigkeit."

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Thiele sen., C. C., Gedanken bey der großen Eisfahrt und Elbüberschwemmung in der Stadt Meißen den 29. Februar und 1. Mart. 1784, Meißen 1785.

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